Raketen im Namen Allahs

Die Weltöffentlichkeit ist schockiert von den Bildern der Bombenopfer aus dem Gazastreifen. Israel gerät unter moralischen Druck, den die Hamas zynisch kalkuliert. Der deutsch-israelische Autor Chaim Noll über den Aufbau und die wahren Motive der islamistischen Terrororganisation.

VON CHAIM NOLL

Am 27.Dezember 2008 begann eine israelische Militäraktion gegen die Hamas im Gazastreifen, zunächst aus der Luft, später durch Bodentruppen, gegen Waffenbunker, Tunnelsysteme und andere Objekte dieser Terrororganisation. Seit acht Jahren beschießen Kommandos der Hamas israelisches Staatsgebiet mit immer größeren und immer weiter reichenden Geschossen, erst aus Granatwerfern, später mit selbst gefertigten Kassam-Raketen, inzwischen mit Mittelstreckenraketen russischer und iranischer Fabrikation. Die täglichen Schläge treffen gezieltdie israelische Zivilbevölkerung, Wohnsiedlungen, Industriegebiete, Schulen, Straßen.

Es gab Tote (allein 14 in der Stadt Sderot), Verletzte und immensen Sachschaden. Insgesamt wurden rund 10 000 Einschläge in israelischen Orten und landwirtschaftlichen Gebieten gezählt. Ihre Zahl steigt: waren es 2007 noch etwa 1200 Geschosse, zählte man 2008 bereits mehr als 2000.

Die Hamas ging 1987 aus der extremistischen Muslimbruderschaft hervor, die vor allem in Ägypten aktiv ist. Der Name ist ein Akronym für „Hakarat al-Mukawamah al-Islamijah“ (Bewegung des islamischen Widerstands), doch mit absichtsvoller Doppelbedeutung: das aus dem Altaramäischen bekannte arabische Wort meint seit alters Eifer, forciertes Vorgehen oder Gewalt. Im traditionellen Ehrenkodex der Beduinen bedeutet „hamasa“ eine der männlichen Grundtugenden, „Verachtung von Gefahr“. Im Kampf zu sterben, betrachten Hamas-Leute als den Sinn ihres Daseins, sie halten ein Menschenleben – sei es das eigene oder das eines anderen – für eine zu vernachlässigende Größe.

Erklärtes politisches Nahziel der Hamas ist die Vernichtung Israels: „Israel wird so lange existieren, bis der Islam es ausgelöscht hat“, heißt es zu Beginn der 1988 veröffentlichten, jedermann zugänglichen Charta der Hamas (www.mideastweb.org/hamas.htm) unter Berufung auf einen „Märtyrer des wahren Glaubens“, den Imam Hassan al-Banna, „möge Allah ihn segnen“. Die Hamas leitet alle ihre politischen Ziele aus Koranstellen und anderen islamisch-religiösen Quellen her. Die Charta der Hamas ist ein bemerkenswertes Dokument der Offenheit in unseren Tagen geschickter Verschleierung der Ziele des islamischen Dschihad.

Über die Vernichtung Israels hinaus bemüht sich die Hamas um die weltweite Verfolgung von Juden und Christen, da diese dem Propheten nicht geglaubt und damit ihren Schutz durch Allah verwirkt hätten: „Unterwerfung ist ihr Los … Sie haben Allahs Zorn auf sich geladen und wurden verworfen, weil sie Allahs Zeichen leugneten, zu Unrecht die Propheten töteten, den Gehorsam verweigerten und sündigten“ (Koran, Sure 3, Vers 110 ff.). Mit Juden und Christen könne es daher grundsätzlich kein Einverständnis geben (Sure 2, Vers 120).

Das biblische Land ist für die Hamas ein islamisches Erbgut, ein unveräußerliches „Gut der toten Hand“ (wakf), von dem keine Handbreit an „Ungläubige“ abgetreten werden darf. „In dieser Hinsicht ist es wie jedes Land, das die Muslime mit Gewalt erobert haben, weil die Muslime es durch diese Eroberung heiligten“ (Charta der Hamas, Artikel 11). Da heute Teile dieses Landes von „Ungläubigen“ bewohnt werden, ist „der Befreiungskampf die persönliche Pflicht eines jeden Muslims“ (Artikel 14). Wer sich dieser Pflicht entzieht und nicht bereit ist zu kämpfen, wird von Allah bestraft, wozu Artikel 13 einen Hadith-Spruch zitiert: „Die Heuchler … treffe Leid und Verzweiflung.“

Die letztgenannte Maxime enthält die in westlichen Augen schockierende Aufforderung, gerade Unbeteiligte durch die Kampfhandlungen leiden zu lassen, etwa palästinensische Zivilisten, die nicht der Hamas angehören, da Nichtbeteiligung am Kampf bereits Abtrünnigkeit und „Heuchelei“ bedeutet und daher strafwürdig ist. Umso mehr sind nach dieser Denkart alle Muslime zu strafen und zu verfolgen, die mit der westlichen Zivilisation sympathisieren. Besonders gefährdet sind nach Ansicht der Hamas muslimische Frauen, die der Westen „mithilfe von Medien, Kino und Schulprogrammen“ vom Pfad des Islam ablenke und ihrer Aufgabe abspenstig mache, Männer zu gebären und im Sinne der Hamas zu erziehen (Artikel 17). „Die Frau in einem Haushalt des Dschihad … spielt die Hauptrolle bei der Aufzucht der Kinder in Vorbereitung der Rolle als Dschihad-Kämpfer, die sie erwartet“ (Artikel 18).

In der Hamas herrscht eine Mentalität, an der auch die bereitwilligsten westlichen Dialogfreunde scheitern müssen. Aus der tiefen koranischen Verankerung der Kampfziele der Hamas ergibt sich ihre totale Unansprechbarkeit für politische Verhandlungen. „Es gibt keine Lösung für die palästinensische Frage außer durch den Dschihad“, heißt es in der Charta (Artikel 13), auch dies unter Berufung auf Koran- und Hadith-Stellen. „Initiativen, Vorschläge und internationale Konferenzen sind Zeitverschwendung und sinnlose Mühen.“

Kampf und Leben sind für überzeugte Hamas-Aktivisten eins. Ein Mann sollte im Sinne der von der Hamas wiederbelebten altarabischen Manneswürde (muruwa) überhaupt niemals unbewaffnet sein. In diesem Sinne ist es am konsequentesten, das eigene Wohnhaus – trotz des Risikos für Frauen und Kinder – in ein Waffenlager zu verwandeln.

Der am 1. Januar getötete Hamas-Führer Nisar Rajan hatte in seiner Behausung, wie ein Beduinenscheich seine Dolche und Flinten, ein ganzes Arsenal moderner Raketen gehortet, die beim Angriff durch ein israelisches Flugzeug eine Kette von Explosionen auslösten, bei denen auch gleich die Nachbarhäuser in Schutt und Asche sanken. Freiraum für Amüsement oder geistige Ablenkung ist im Dasein der Kämpfer ohnehin nicht vorgesehen.

Der Kampf gegen Juden („der zionistische Feind“) und Christen („Kreuzfahrer“) ist eine alle Kräfte benötigende, das gesamte Denken und Fühlen absorbierende Aufgabe, der sich der gläubige Muslim mit allen Fasern seines Wesens hingeben soll. „All dies ist vollkommen ernst“, warnt Artikel 19 der Charta, „denn eine Nation, die sich dem heiligen Kampf hingibt, kennt keinen Spaß.“

Nachdem Israel im Sommer 2005 seine Truppen und Siedler aus Gaza abgezogen hatte, brauchte diese entschlossene Organisation nur knapp zwei Jahre, um den Gazastreifen unter ihre Kontrolle zu bringen. Entscheidendend für ihren Triumph waren die Korruption der Palästinensischen Autonomiebehörde und das Netzwerk sozialer Einrichtungen, das die Hamas – dank reicher ausländischer Spenden – für seine Kämpfer und ihre Familien unterhält.

Wichtigster Sponsor der Hamas ist der Iran. Die Ziele dieses Staates stimmen mit denen der Hamas überein: Vernichtung Israels, totale Islamisierung des Nahen Ostens, Ausbreitung des „dar al-islam“, des islamischen „Friedensreiches“, in dem die Menschheit eine klare Hierarchie von Muslimen und unterworfenen „dhimmis“ ist und sich alles weitere Verhandeln erübrigt. Seit 2007 herrscht die Hamas über Gaza, seit sie bei Wahlen die Mehrheit gewann (wobei niemand für die Rechtmäßigkeit dieser Wahlen einstehen kann) und die Anhänger der rivalisierenden Fatach-Bewegung in Massakern beseitigte. Mit Todeslisten gingen die Hamas-Kämpfer von Haus zu Haus, Unliebsame wurden auf offener Straße exekutiert, von Dächern gestoßen oder in den Miliz-Stationen zu Tode gefoltert. Hunderte Fatach-Leute flüchteten im Sommer 2007 mit Frauen und Kindern in die Arme des „zionistischen Feindes“ und belagerten die Grenzübergänge nach Israel, um nicht in die Hand ihrer muslimischen Brüder von der Hamas zu fallen. Erbarmen mit „Verrätern“ am heiligen Dschihad, erst Recht mit Gegnern im Kampf, gilt Hamas-Leuten als verächtliche Schwäche.

Auch jetzt, während der Militäroffensive Israels, nimmt sich die Hamas Zeit, ihre palästinensischen Rivalen auszuschalten: 35 führende Fatach-Leute wurden, Medienberichten zufolge, sofort nach Beginn der israelischen Bodenoffensive am 2. und 3. Januar 2009 von der Hamas liquidiert, weitere 75 in die Beine geschossen oder anders verkrüppelt, um sie an jeglicher Aktivität, auch Fluchtmöglichkeit, zu hindern. Auf den seit Jahren anhaltenden Beschuss seines Territoriums und die ständigen Versuche von Hamas-Kämpfern, nach Israel einzudringen, um Juden zu entführen oder Terroranschläge zu verüben, reagierte Israel mit der Schließung aller Grenzübergänge. Auch Ägypten, der andere Nachbar, schloss seine Grenze nach Gaza.

Die Lage der Zivilbevölkerung im Gazastreifen verschlechterte sich zusehends. Schon in den ersten Wochen nach der Machtergreifung der Hamas flohen Tausende Gaza-Palästinenser, vor allem Akademiker und Angehörige der Mittelschicht, darunter die Besitzer der wenigen größeren Fabriken.

Damit verkamen Infrastruktur, Versorgung mit Dienstleistungen, zivile Einrichtungen im Gazastreifen, vor allem entfielen immer mehr Arbeitsplätze, nachdem schon der Abzug der Siedler – eine jahrzehntealte Forderung der progressiven Kräfte des Westens – Zehntausende Palästinenser um ihre Arbeitsplätze in den landwirtschaftlichen Betrieben und anderen Unternehmen der Israelis gebracht hatte. Für die palästinensische Zivilbevölkerung waren Israels Abzug und die Machtübernahme durch die Hamas von Anfang an ein Desaster.

Umso leichter konnte der Iran das kleine Gebiet unter seine Kontrolle bringen, allerdings zum Verdruss anderer islamischer Staaten, voran Saudi-Arabien. Die Rivalität zwischen dem iranischen Ajatollah-Regime und dem saudischen Königshaus gründet sich auf vielerlei, beginnend mit Tiefstem und Ältestem, mit unvereinbaren Koran-Auslegungen, dem Schisma zwischen Sunniten und Schiiten, mit ethnisch motivierten Hasstraditionen zwischen Arabern und Nicht-Arabern innerhalb des Islam, gründet sich aber auch auf Neueres und Heutiges, etwa Einfluss-Sphären und Hegemonialpläne im Nahen Osten dieser Tage.

Saudi-Arabien und der Iran sind die größten, ölreichsten, wirtschaftlich stärksten Länder der Region. Ihr Verhältnis war nie das Beste und verschlechterte sich in dem Maße, in dem der Iran durch die Hisbollah im Libanon und die Hamas in Gaza Einfluss und Macht über die Palästinenser gewann.

Daher haben Ägypten, Saudi-Arabien und andere sunnitisch-arabische Länder zur neuesten israelischen Militäraktion eine ambivalente Haltung gezeigt und eine Aktion der Arabischen Liga bisher unmöglich gemacht. Der saudische Außenminister Prinz Faisal hat zum ersten Mal die Palästinenser öffentlich kritisiert, wegen ihrer „Uneinigkeit“, womit das Übergehen eines Teils der Palästinenser, vor allem in Gaza, auf die Seite des Iran gemeint ist.

Denn Gaza ist in den letzten Jahren zur Aufmarschbasis des iranischen Regimes geworden, beunruhigend nicht nur für Israel, auch für die arabischen Länder der Region. Der kleine Küstenstreifen am Mittelmeer eignet sich besonders gut für die imperialen Absichten des Iran.

Das Einsickern von Agitatoren, Waffen und anderer Unterstützung war wegen der porösen, seit Jahrhunderten von Beduinen-Schmugglern frequentierten Grenze zwischen dem ägyptischen Sinai und dem Gazastreifen nie ein großes Problem. Auch seit Ägypten aus Furcht vor der Aggressivität der Hamas seine Grenze nach Gaza geschlossen hält, geht der Import von Raketen, Waffen, Sprengstoff und anderem weiter. Sie werden in unterirdischen Tunneln nach Gaza geschmuggelt. Seit dem Abzug der israelischen Truppen und Siedler 2005 konnte sich die Hamas relativ ungestört ihrer Aufgabe widmen, Israels Staatsgebiet für Juden, Christen und andere „Ungläubige“ unbewohnbar zu machen.

Ein kurzer Blick auf die Karte verrät das Kalkül iranischer Geopolitik: zwischen dem nordöstlichen Eck des Gazastreifens und dem süd-westlichen Zipfel der Westbank liegen nur etwa 40 Kilometer israelisches Land, relativ dicht besiedelt, mit ungefähr einer Million Menschen, mehreren großen Städten, darunter Beerscheba, der Hauptstadt der israelischen Südregion, oder Aschdod, dem größten Seehafen des Landes, und wichtigen Straßen und Eisenbahnlinien, die Israels Süden mit dem Zentrum des Landes verbinden.

Die neuen Raketen russischer und iranischer Produktion verwandeln diese 40 Kilometer in eine gefährdete, eines Ta- ges vielleicht unbewohnbare Zone. Die Aussichten für die Hamas sind gut und werden immer besser, vor allem, wenn der Iran demnächst atomare Waffen produziert und die ersten Sprengköpfe nach Gaza eingeschmuggelt werden.

Wegen ihrer fanatischen Mentalität und ihrer fundamental-islamischen Ideologie war die Hamas schon lange eine der gefährlichsten Größen des Nahen Ostens, was nicht zuletzt Hunderte Opfer ihrer Terroranschläge in aller Welt be- legen. Seit die Hamas vom Iran gelenkt wird und dessen machtpolitische Ziele verfolgt, erlangt sie die Dimension einer ernsthaften militärischen Bedrohung für alle Nachbarstaaten. Indem Israel nach langer, für die Bewohner des beschossenen Gebiets fast unerträglicher Geduld endlich handelt, verteidigt es nicht nur das Leben seiner eigenen Bürger, sondern auch aller moderaten Völker der Region.

Chaim Noll wurde als Hans Noll 1954 in Ostberlin als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll geboren. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und Berlin. Seine ersten Manuskripte wurden in den Westen geschmuggelt. 1983 reiste er nach Westberlin aus, und 1991 verließ er Deutschland. Seit 1995 lebt der Autor und Essayist in Israel.

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